Interview Dr. med. Gaby Fuchs

Dr. med Gaby Fuchs
Ärztliche Leitung Palliativstation
Oberärztin mbF Palliative Care

 

Sie sind Leiterin der Palliativstation des Spitals Zofingen und engagieren sich seit Jahren für die Palliative Care im Aargau. Was ist Ihre Motivation?

Meine Motivation ist, unheilbar kranken Menschen eine auf sie zugeschnittene Behandlung und Betreuung zukommen zu lassen. Ich mag an der Palliative Care, dass sie auf individuelle Gegebenheiten eingehen muss und dadurch ein sehr kreatives Fachgebiet ist. Neben medizinischen Gesichtspunkten spielen immer auch psychosoziale und spirituelle eine Rolle. Dadurch ist für mich und für unser multidisziplinäres Team jeder Fall wieder anders. Ein ganz grosses Anliegen ist mir auch die ehrliche und empathische Begleitung der Angehörigen. Ich bin davon überzeugt, dass es gerade für den späteren Umgang mit dem Verlust für die Angehörigen eine grosse Rolle spielt, wie dieser letzte Lebensabschnitt unserer Patientinnen und Patienten bewältigt werden konnte. Dafür engagiere ich mich sehr gerne.

 

Was sind für Sie die grössten fachlichen Herausforderungen?

Auch dies ist von Fall zu Fall verschieden. Sicher ist es im Einzelfall immer eine Herausforderung, die Grenze zwischen Wünschenswertem und noch Machbarem herauszufinden und dann mit den Betroffenen auch zu besprechen. Manchmal weiss man erst im Nachhinein ob eine Intervention (z.B. eine Bestrahlung oder eine weitere Chemotherapie) noch zielführend war oder «des Guten zuviel».

 

Was sind für Sie die grössten persönlichen Herausforderungen?

Die grösste persönliche Herausforderung ist der Mittelweg zwischen Empathie und Abgrenzung. Auch nach sehr schweren Situationen ist es wichtig, den nachfolgenden Patienten immer wieder aufs Neue gerecht werden zu können. Ob dies jahrzehntelang so funktionieren wird, kann ich jedoch zum aktuellen Zeitpunkt auch noch nicht sagen.

 

Welcher Fall liegt Ihnen im Moment besonders am Herzen?

Jeder aktuelle Fall liegt mir auf seine Art am Herzen: das Schicksal einer Familie mit Kind, wo die Mutter in meinem Alter unheilbar erkrankt ist und nun auch der Vater eine schwierige Rolle zu meistern hat; die autonome Mittfünfzigerin, die noch voller Pläne ist und so gar nicht mit dem Schicksal einer unheilbaren Erkrankung gerechnet hat; die Patientin, die tief enttäuscht und verbittert ist, dass ihre ebenfalls tief betroffene Familie die Betreuung zu Hause noch nicht genügend aufgleisen konnte. Aber ich kann mich auch sehr freuen über die gelungene Schmerzeinstellung des Patienten, der gestern nach Hause austreten konnte oder darüber, dass sehr starke kolikartige, furchteinflössende Schmerzen bei einer anderen Patientin nach einem Tag bei uns gar nie mehr aufgetreten sind und diesen vielleicht doch nur ein banaler Nierenstein zugrunde lag. Mein Beruf ist auf beide Seiten hochemotional. Wer keine Angst vor tiefen Emotionen hat, wird hier glücklich.

 

Das Sterben Betroffener - wie gehen Sie damit um?

Jedes Schicksal geht einem Schicksal nahe, einige näher als andere. Am schwierigsten ist es für mich wenn sich ein Patient oder eine Patientin selber mit dem Sterben noch überhaupt nicht hat abfinden können. Dann fühlt sich das Sterben wie «den Kampf verlieren» an, für alle Beteiligten und manchmal auch für uns. Für mich persönlich aber ist Sterben Teil des Lebens und auch nicht das Ende. Da es absolut unvermeidbar ist und die Sterblichkeit von uns Menschen bei 100% liegt, täten wir alle gut daran, uns frühzeitig damit abzufinden und unser Leben auch so zu leben, dass wir nicht nur mit grosser Angst auf das Unausweichliche zugehen.

 

Wie stellen Sie sich Ihr eigenes Sterben vor?

Schön wäre es, umgeben von meinen Liebsten und bei Bedarf betreut von einem engagierten multidisziplinären Team. Falls von den Umständen her möglich: schön fände ich, in der Natur unter einem Baum sterben zu dürfen anstatt in einem Zimmer mit weisser Decke.

 

Was sind Ihre Wünsche an Gesellschaft und Politik?

Enorm wichtig ist neben ausreichenden Ressourcen für die stationäre Betreuung auch die Förderung der ambulanten spezialisierten Palliative Care. Wenn eines Tages mobile Teams bestehend aus mindestens Arzt und Pflegefachperson die Menschen auch zu Hause oder in Pflegeheimen besuchen könnten, wären wir einen grossen Schritt weiter auf dem Weg zur optimalen Versorgung der Schwerstkranken.